Blatt 1-4 / Birnbaum
 
Blatt 1 - 4 / Birnbaum
 
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Ortsgemeinde:
Wals-Siezenheim
Erhebungsblatt: 01 - 04
Denkmalgegenstand - Typ:
Birnbaum auf dem Walserfelde
Ortsübliche Bezeichnung:
s. o.
Erhaltungszustand: gut
Standort:
Wals, nächst dem Höglergut und etwa 100 m südlich der Innsbrucker Bundesstraße
Renovierungsdaten: Gedenkstein 1985 renoviert
Katastralgemeinde / Parzellen-Nr.:
Wals I, 1515/2
Erhoben am: Herbst 1985
von: Ing. Aigelsreiter
Eigentümer:
Gemeinde Wals-Siezenheim
Betreuer:
Gemeinde Wals-Siezenheim
Foto am: Herbst 1984
von: s. o.
 
 
Der Birnbaum auf dem Walserfeld

 
Der Sage nach soll der Baum aus einem Samenkorn entsprossen sein, das ein römischer Priester in der Zeit um 476 n. Chr. nach einem Ritualmord an 10 Germanenkindern in die Erde gesenkt und mit dem Blute der Kinder getränkt haben soll. Die Kinder wurden dem Gott, Jupiter geopfert damit die Herrschaft der Römer über die Germanen sowie der Wohlstand der Stadt Juvavum (heute Salzburg) erhalten bleibe. Zeuge des Geschehens soll der germanische Heerführer Odoaker gewesen sein als er die nach Italien ziehenden Heruler und Skieren anführte. Erzürnt über den Mord an den Kindern erschlugen sie den Priester und alle am Gottesdienst teilnehmenden Römer. Dann zerstörten sie die Stadt Juvavum.
 
18 Jahre später - auf ihrem Rückzug aus Italien - kamen die Germanen wieder in die Gegend des Walserfeldes. An der Stelle des grausigen Mordes an den Kindern und wo das in die Erde gesenkte Samenkorn mit dem Blute der Kinder begossen worden ist, erhob sich ein stattlicher, reichlich Früchte tragender Birnbaum. Die Germanen schlugen unter dem Baum ihr Nachtlager auf. In der Nacht sahen sie ein geheimnisvolles Licht im Baum. 10 Engelein umschwebten ihn Hand in Hand, dem Herrn ein Loblied singend. Die Germanen nahmen die Früchte des Baumes mit sich und so soll der Birnbaum auf dem Walserfeld der Ahne aller Birnbäume Deutschlands geworden sein. Die Sagen um den Birnbaum sind eng verbunden mit den Sagen um den Untersberg und den darin schlafenden Kaiser Karl. Es ist jedoch nicht Sache der gegenständlichen Ausführungen, im einzelnen darauf einzugehen. Geschichtlich nicht nachweisbar ist, daß zu der in der Sage angegebenen Zeit des Entstehens des Birnbaumes auf dem Walserfeld im Raume Salzburg Menschenopfer dargebracht worden sind. Auch haben die großen Zerstörungen der Stadt Juvavum nicht zu dieser Zeit stattgefunden.
 
Der Birnbaum auf dem Walserfeld - angeblich aus einem mit dem Blute von Germanenkindern begossenen Samenkorn entsprossen - wurde weit über die Grenzen der engeren Heimat hinaus bekannt und verehrt, obwohl er bis zur jüngeren Geschichte schon siebenmal umgehauen worden sein soll. Übrigens fand der Baumkultus schon in den ältesten Zeiten viele Anhänger. Bäume mit ähnlichen Sagen verflochten, kommen auch anderwärts vor.
 
Urkundlich dürfte der Birnbaum auf dem Walserfeld erstmals im Jahre 1564 erwähnt sein. Damals hat ein gewisser Lazarus Gitschner, früher Knecht des Stadtschreibers von Reichenhall, auf seinem Sterbebett berichtet, was er vor 35 Jahren auf dem Untersberg erlebt haben will. Ein Mönch hat ihm das Innere des Berges gezeigt und auch auf den Birnbaum hingewiesen, bei dem einstens eine große Schlacht stattfinden werde. Der Dichter und Naturfoscher Adalbert von Chamisso (1781 - 1838) behandelte in seiner Ballade "Der Birnbaum auf dem Walserfeld" ebenfalls die Sage um den Birnbaum und die große Schlacht, die einstens dort geschlagen werden wird.
 
Der Grund auf dem der Birnbaum gestanden ist, gehörte zum Siglgut in Wals Nr. 60. Im Jahre 1848 wollte König Ludwig I von Bayern dem Siglbauern den Baum abkaufen, damit er ihn mit einer Einfriedung umgeben könne um ihn vor Anschlägen zu schützen. Der Siglbauer hat aber den Baum nicht verkauft, weil er der Meinung gewesen ist, daß der Baum vom Volke verehrt werde und niemand es wage, ihn zu beschädigen. Im Volk gab es auch den Glauben, daß wer den Birnbaum fällt, keines natürlichen Todes stirbt und auch keine männlichen Nachfahren haben werde. Nachdem der bayrische König den Baum nicht erwerben konnte, hat er dem Siglbauern eine jährliche Zahlung für die Pflege ausgesetzt, die der Bauer in Form von Holz erhielt. Nach dem Tod des auszahlenden bayrischen Forstbeamten hörten jedoch die Zahlungen auf.
 
Sicher ist, daß der Birnbaum im Jahre 1872 auf den Gründen des Siglgutes in Wals 60 etwa 100 Schritte südlich des Standortes des jetzigen Birnbaumes gestanden ist. Dieser Baum wurde im Jahr 1872 einige Tage vor dem 7. Mai von unbekannten Tätern angesägt. Er ist in der Nacht zum 7. Mai vom Sturm umgerissen worden. Über die Ursache dieser Tat und über die Täter gibt es unterschiedliche Meinungen. Eine wäre, daß, es übermütige Burschen gewesen seien, die in Verkennung des Philippibrauches den Baum umsägen wollten und dabei gestört worden sind. Von den Bauernburschen, die der Tat verdächtigt worden sind, ist einer beim Wildern erschossen worden. Der andere hat nach Siezenheim geheiratet. Er blieb ohne männlichen Nachfolger und wurde von einem Krautdieb erstochen, den er auf seinen Feldern gestellt hat.
 
Weiters gibt es die Ansicht, daß der damalige Siglbauer und Besitzer des Birnbaumes das Umschneiden angestiftet hat, weil ihm die vielen Verehrer des Baumes die Felder zertraten. Diese Ansicht dürfte aber eher unwahrscheinlich sein, denn der Siglbauer verkaufte einige Jahre später einige Quadratmeter inmitten seiner Felder für die Pflanzung eines neuen Birnbaumes. Schließlich wird das Attentat auf den Baum auch einem Wirrkopf aus Kärnten namens Johann Wicherl zugeschrieben, der den Baum aus Abneigung gegen die Deutschen gefällt haben soll. Es wurde nämlich das Tagebuch des Johann Wicherl beim umgestürzten Baum vorgefunden. Wicherl war seinen Angaben zufolge zur fraglichen Zeit tatsächlich beim Birnbaum. Er hat aber die ihm angelastete Tat niemals eingestanden. Die Zerstörung des Birnbaumes auf dem Walserfeld hat weit über die Grenzen Österreichs hinaus Aufsehen und Empörung hervorgerufen.
 
Das Holz des umgesägten Baumes wurde vom damaligen Michl Fink' schen Forst- und Domänenverwalter Johann Lindlbauer aus Salzburg dem Siglbauern abgekauft. Der Halleiner Kunstschnitzer A. Baumann hat daraus etwa 40 Schnitzereien angefertigt, die großteils die Sagen um den Untersberg zum Thema hatten. Die Schnitzereien sind nicht mehr vollständig erhalten. Sie sind in einem Protokoll angeführt, das am 4. April 1875 in Siezenheim ausgestellt worden ist. Dem Deutschen Kaiser Wilhelm I wurde anläßlich seines Gastein-Aufenthaltes ein mit den Reichssymbolen verzierter Briefbeschwerer zum Geschenk gemacht, der aus dem Holz des gefällten Birnbaumes geschnitzt worden ist. Der Wurzelstock des Baumes befindet sich im Salzburger Museum Carolinum Augusteum.
 
Im Jahre 1874 erwarb der k. u. k. Regimentsarzt im Reichskriegsministerium in Wien Dr. Heinrich Wallmann vom Siglbauern ein etwa 18 m2 großes Grundstück zum Zwecke des Pflanzens eines Erinnerungsbaumes. Wallmann war seinerzeit unter dem Dichternamen Heinrich von der Mattig bekannt. Das Grundstück liegt etwa 100 Schritte nördlich des Standortes des umgeschnittenen Birnbaumes und somit näher an der Straße nach Reichenhall (heute Innsbrucker Bundesstraße). An die Salzburger Gesellschaft für Landeskunde wurde sodann der Antrag gestellt, den vernichteten Baum durch Pflanzen eines neuen Baumes zu ersetzen, um so dem Volke die Sage ewig frisch zu erhalten. Das Grundstück wurde am 25. August 1874 dem Dr. Wallmann übergeben, der Kaufvertrag jedoch erst am 9. Nov. 1875 abgeschlossen. Seither wird das 18 m2 große Grundstück mit der Parzellennummer 1515/2 im Grundbuch der Katastralgemeinde Wals I unter der Einlagezahl 146 "Grundfläche des Birnbaumes auf dem Walserfeld" ausgewiesen.
 
Schon am 5. April 1875 pflanzte Major Skuppa in feierlicher Form einen wilden Birnbaum auf die neu erworbene Grundparzelle. Dieser Baum wurde aber am 2. September 1883 Opfer eines Sturmes. Im Frühjahr 1887 haben dann der Salzburger Historiker Zillner und Dr. Wallmann wiederum einen Birnbaum gepflanzt. Dieser Baum steht noch heute und trägt auch noch immer Früchte. Dr. Wallmann - inzwischen k. u. k. Oberstabsarzt in Wien - hat zu seinen Lebzeiten bestimmt, daß nach seinem Tode die ihm gehörende Grundfläche des Birnbaumes der Stadtgemeinde Salzburg unentgeltlich zu überlassen sei. In Erfüllung dessen hat die Tochter Wallmanns, Frl. Therese Wallmann am 9. Mai 1899 in Mattsee einen Schenkungsvertrag mit der Stadtgemeinde Salzburg unterschrieben und somit den Birnbaum in das Eigentum der Stadt Salzburg übergeben. In der weiteren Folge gab es Bestrebungen, beim Birnbaum ein großes Nationaldenkmal zu errichten. Durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges kam es jedoch nicht zur Ausführung dieser Idee. Mit Bescheid des Landes Salzburg vom 30. Mai 1932, Zl. 449/1-III-1932 wurde der Birnbaum zum Naturdenkmal erklärt. Nach dem 2. Weltkrieg wollten die amerikanischen Besetzer den Birnbaum umschneiden lassen. Als aber der zuständige amerikanische Offizier den verhältnismäßig kleinen Baum gesehen hat, wurde von diesem Vorhaben Abstand genommen.
 
Mit Datum vom 30. April 1948 hat die Salzburger Landesregierung der Gemeinde Wals - Siezenheim über deren Ansuchen ein Gemeindewappen verliehen, das den Birnbaum auf dem Walserfeld mit dem Untersberg im Hintergrund zeigt. In den Jahren danach haben sich verschiedene Persönlichkeiten aus Wals - Siezenheim, vornehmlich aber Peter Siegl aus Grünau, langjähriges Mitglied der Gemeindevertretung bemüht, den Birnbaum in den Besitz der Gemeinde Wals - Siezenheim zu bringen. Diese Bemühungen hatten Erfolg und es hat die Stadtgemeinde Salzburg in Anbetracht des Umstandes, daß der Birnbaum auf dem Walserfeld im Gemeindewappen von Wals - Siezenheim aufscheint, die Parzelle mit dem Birnbaum der Gemeinde Wals - Siezenheim geschenkt. Der Schenkungsvertrag wurde am 11. Sept. 1970 erstellt. 1972 wurde von der Gemeinde beim Birnbaum ein neuer Gedenkstein errichtet. Der darauf eingemeißelte Text dürfte noch von der Gedenktafel stammen, die 1875 neben dem neu gepflanzten Baum aufgestellt worden ist. Eine Ruhebank unter dem Birnbaum lädt zum Verweilen an dem sagenumwobenen Ort ein.
 
Quellenverzeichnis
Franz Müller:
Fünf Heimatbücher von Wals - Siezenheim
Eigenverlag d. Gemeinde Wals - Siezenheim
 
Rudolf Freisauff v. Neudegg:
Der Birnbaum auf dem Walserfelde
Salzburg 1876
 
Johann Lindlbauer:
Der Birnbaum auf dem Walserfelde ...
Salzburg 1879
 
Johann Lindlbauer:
Verzeichnis des vollständigen Tafelschmuckes
Salzburg 1875
 
J. M. Söltl:
Der Untersberg 1. Teil
Erscheinungsort u. Jahr nicht bekannt
 
Mitteilungsblätter der Salzburger
Gesellschaft für Landeskunde
 
Festschrift "Das Salzburg Jahr 1980/81"
Beitrag v. Barbara Kutschera
Der Birnbaum auf dem Walserfelde
 
Augsburger Allgemeine Zeitung
Jahrgang 1872 Nr. 256, 298 u. 299

 
Salzburger Volksblatt v. 8. April 1875
 
Salzburger Volksblatt v. 4. Sept. 1883
 
Reichenhaller Tagblatt "Der Grenzbote" v. 13. 3. 1941
 
Salzburger Volkszeitung v. 10. Feber 1968
 
Dr. Josef Stockinger: Der Birnbaum auf dem Walserfelde
 
Bezirksgericht Salzburg
Grundbuch der Katastralgemeinde Wals I
Einlagenzahl 146
 
Bezirksgericht Salzburg, Urkundensammlung:
1875 Zl. 7544
1899 Zl. 765/99
1971 Zl. 331/71
 
 
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© 2003 - Dipl. Ing. Josef Aigelsreiter